Arbeit
April 17, 2020

7 Vorteile und 3 Nachteile des Arbeitens im Ruhestand

Im Ruhestand ist endlich Ruhe. Dachte sich der Mensch, vor noch gar nicht allzu langer Zeit. Dann holte ihn eine Erkenntnis ein: Wir werden immer älter und auch immer gesünder im Alter. Zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr liegen genauso viele Jahre, wie zwischen dem 60. und dem 90. Diese Zeit einfach absitzen? Schwer vorstellbar. Und doch haben nur wenige Menschen einen konkreten Plan für sie. Außer eben, ihre Ruhe zu genießen.

An sich ein guter und verdienter Plan. Wären da nicht diese neu gewonnenen Jahre, die sich sukzessive eingeschlichen haben - die steigende Lebenserwartung. Durchschnittliche Österreicher und Deutsche werden heute knappe 80 Jahre alt, die Frauen in diesen Ländern sogar 84. Bis 2060 - also in nur 40 Jahren - erreichen die Männer im Schnitt 84 Jahre und die Frauen 89, rechnet die Statistik vor.

"Das ist eine neue Lebensphase. Eine, die keine Generation vor uns hatte", sagt Leopold Stieger.

Leopold Stieger ist Gründer der Plattform "seniors4success" und setzt sich als Autor und Vortragender dafür ein, dass sich Menschen eben sehr wohl Gedanken darüber machen, was nach ihrer Berufstätigkeit folgt. Stieger wird nächste Woche 81 Jahre jung, in seinem Büro sitzt er jeden Tag.

Er plädiert dafür, Alter neu zu denken: "Wir hatten früher diese Lebensphasen: Die Ausbildung, die Berufstätigkeit und dann kam die Riesenzäsur - der Übergang in den wohlverdienten Ruhestand. Heute nimmt die Lebenserwartung so stark zu, dass Menschen noch lange was tun können. Wir sagen heute: Es gibt die Ausbildung, die Berufstätigkeit und dann die Freitätigkeit. Heißt, ich bin dann weiterhin tätig, aber frei. Ich bestimme, wann und wie und habe niemanden mehr, der mir etwas vorschreibt."

Laut einer senior4success-Umfrage haben 2017 56 Prozent der Befragten angegeben, in ihrer Pension zu arbeiten. 2019 waren es schon 66 Prozent. "Vor 15 Jahren wäre die Zahl eine andere gewesen", ist Stieger überzeugt. Seine Freunde hätten damals gesagt: "Spinnst du? Du hakelst immer noch?" Heute ist gerade das aber en vogue.

So, wie auch bei Peter, 61 Jahre, der lieber anonym bleiben möchte. Peter ist seit knapp zwei Wochen in Pension. Früher viel beschäftigter, umtriebiger Manager und Berater, heute arbeitet er aufgrund der Zuverdienstgrenze geringfügig - bis es in der regulären Alterspension wieder aufstocken kann. Warum überhaupt noch arbeiten?

"Für mich war Arbeit nie Mühe. Viele Menschen unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit, bei mir war alles irrsinnig fließend. Heute mache ich nichts, was ich nicht will - egal ob das bezahlt oder unbezahlt ist."

Die Vor- und Nachteile des Arbeitens in der Pension

Arbeiten über die Pension hinaus ist nicht nur emotional als auch finanziell bereichernd - oder notwendig. Auch gesamtgesellschaftlich entwickelt sich alles in diese Richtung. Weil die Menschen länger fit sind, schöpfen sie auch länger aus den Pensions- und Rentensystemen. Für die ist das auf lange Sicht nicht tragbar. Dennoch steht bei jenen, die in der Pension weiterhin aktiv sind, der Spaß am Arbeiten im Vordergrund. Wir haben sieben Gründe für und drei gegen das Arbeiten in Pension recherchiert.

Pro: Identität bewahren

Mit der Pension oder Rente gibt man auch seine Jobbezeichnung ab - und damit auch ein Stück seiner Identität. „Im Berufsleben sage ich: Ich bin Buchhalter. Ich bin Tischler. Und in der Pension bin ich plötzlich ein...Pensionist? Das ist keine große Darstellung", sagt Leopold Stieger. Es leuchtet ein. Man will "wer" sein. "Man möchte auch weiterhin eine berufliche Identität haben." Möglicherweise ist dann die Zeit für eine neue?

Pro: Sich selbst fordern

Mit einer Tätigkeit ist man gefordert, bleibt agil und auf zack. "Wird man nicht gefordert, wird man schnell müde. Vielleicht resigniert man ein wenig und wird zu ruhig, bis man einschläft", meint Stieger.

Pro: Chance erkennen und nutzen

Experten und Senior Talents erzählen oft, dass die Pension so etwas wie eine neue Chance ist. Ein Lebensabschnitt, in dem man nicht mehr muss, sondern nur mehr darf. Wer das erkennt und sich zutraut, seinen Talenten und Leidenschaften nachzugehen, sich möglicherweise selbstständig zu machen oder endlich das anzugehen, was man immer schon einmal machen wollte, erfährt Erfüllung.

Pro: Wertschätzung erfahren

Dass man die eigene Tätigkeit als sinnvoll erachtet und sie auch von anderen wertgeschätzt wird, ist, was Peter bei seiner Arbeit antreibt. "So kriegst du nicht das Gefühl, du bist unnütz und verbrauchst nur die Zahlungen des Bundes."

Pro: Kontakt mit anderen

Von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit zu sein, kann einsam machen. Unter Menschen zu kommen und Beziehungen aufzubauen, ist immer schön.

Pro: Finanzielle Unterstützung

Viele Menschen arbeiten natürlich auch, weil sie mit ihren Renten- und Pensionseinkünften nicht auskommen. Vor allem Frauen sind häufig von Altersarmut betroffen.

Pro: Freie Einteilung

Verpflichtungen, denen man früher nachkommen musste, fallen jetzt weg. Angenehm. "Ich kann mir aussuchen, wann ich arbeiten möchte", schätzt Peter an seiner Arbeit.

Contra: Zuverdienstgrenze

Immer wieder steht in Österreich die Zuverdienstgrenze bei der vorzeitigen Alterspension in der Kritik. Sie liegt bei der geringfügigen Beschäftigung und damit bei 460,66 Euro pro Monat. Laut der seniors4success-Umfrage lehnen 45 Prozent der arbeitenden Senior Talents diese ab.

Contra: Erwartungshaltung der Familie

Als "große Krise" bezeichnet Leopold Stieger, wenn sich Ehepaare auf den gemeinsamen Ruhestand freuen. Und einer der beiden schnell merkt: Das allein ist mir zu langweilig. Die Erwartungshaltung sei für viele erdrückend. Stieger vergleicht sie mit der Anspannung vor einem langen Urlaub - nur dass dieser Urlaub niemals endet. Diese Vorstellung überfordere viele. Wenig verwunderlich, dass die Scheidungsrate im Ruhestand steigt. Für Paare ist diese Phase ein gemeinsamer Lernprozess.

Contra: Blinder Eskapismus

Philosophen und Ethiker kritisieren seit jeher den übertriebenen Arbeitseifer der Menschen. Wenn es im Ruhestand Geld gibt, wozu dann noch nach Arbeit trachten? Hier muss man innehalten. Denn sich aus Langeweile, Angst, Verdrängung oder blindem Eskapismus in (womöglich die falsche) Beschäftigung zu flüchten, weil man neben der Arbeit sonst nichts hat, bringt niemanden weiter. "Viele Tätigkeiten zu verrichten ist keine Gewähr, eine wirkliche Herausforderung, ja eine Vision zu haben", sagt Stieger. Und um die ginge es schließlich.

Setzt man sich mit diesem Ansatz nicht auseinander, wird man an seinem Ruhestand nur zu kiefeln haben und seine Ruhe letztlich nie finden. Leere Kilometer zu machen, zahlt sich hier nicht aus. Viel mehr sollte man diese Lebensphase als Chance begreifen, jenen Sachen nachzugehen, die einem Freude bereiten - egal ob entgeltlich oder ehrenamtlich.

In dieser Hinsicht hat Leopold Stieger mit seinen bald 81 Jahren noch viel vor. „Ich wüsste keinen Grund, warum ich aufhören sollte, zu arbeiten.“

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