Arbeit
Mar 25, 2020

OECD-Studie: Besser mit dem Alter arbeiten

OECD-Studie: Besser mit dem Alter arbeiten

Eine alternde Bevölkerung steht einem veralteten Umgang mit dem Alter gegenüber. Die OECD-Studie “Working Better With Age” warnt vor Altersdiskriminierung und Vernachlässigungen in der Rentenpolitik.

Die Nachrichten sind auf den ersten Blick erfreulich: Der Mensch erreicht in den Industrienationen zunehmend ein immer höheres Lebensalter und bleibt dabei auch gesünder. Im OECD Durchschnitt ist ein Anstieg des Medianalters von 40 auf 44 Jahre zu erwarten. In Deutschland ist dieser Mittelwert mit 46 Jahren schon jetzt im OECD-Vergleich hoch, bzw. höher als beim Nachbarn in Österreich mit 43 Jahren. 2050 soll das Medianalters aber in beiden Ländern auf 47 Jahre angestiegen sein. (Quelle: OECD Dataset, Figure 2.1)

Infografik: Medianalter

Das bedeutet vor allem eines: Die Bevölkerung wird älter und kann die Zeit bei vollster Gesundheit auch immer besser nutzen. Mehr Zeit, mehr Möglichkeiten zur Entfaltung, mehr Lebensfreude im Alter.

Doch gibt es auch eine Kehrseite dieser erfreulichen Botschaft, welche vor allem finanzielle Folgen auf die Staatskassen mit sich bringen kann. Die OECD warnt in ihrer Studie “Working Better With Age” vor allem vor Vernachlässigungen in der Rentenpolitik und im Umgang mit einer alternden Bevölkerung: Der Mensch wird in naher Zukunft schlichtweg länger Rente beziehen als jemals zuvor - und das wird, ausgehend von derzeitigen Arbeits- und Rentenmodellen, das Sozialsystem überlasten.

Überlastung des Sozialsystems aufgrund von alternder Bevölkerung

Das Problem zeigt sich besonders in der Zahl der Nicht-Erwerbstätigen ab 50 Jahren. So kommen in den OECD-Ländern im Jahr 2050 auf 100 Erwerbstätige 58 Rentner und Nicht-Erwerbstätige ab 50 Jahren. Im Jahr 2018 betrug dieser Anteil noch 42 Rentner und Nicht-Erwerbstätige. Das ist ein Anstieg von 40%.

Infografik: Anteil nicht beschäftiger Personen ab 50

Die Zahlen für die einzelnen Mitgliedsländer sind noch plakativer. In Deutschland beträgt dieser Anteil derzeit 47 von 100, 2050 werden es 65 von 100 sein. (Quelle: OECD Dataset, Figure 2.2.)

OECD fordert konkrete Maßnahmen

“Die Bevölkerung wird älter und kann die Zeit bei vollster Gesundheit auch immer besser nutzen. Nun müssen wir gemeinsam daran arbeiten, die Auswirkungen dieser Errungenschaft zu managen”, meint Klaudia Bachinger von WisR und unterstreicht die Forderungen der OECD: “Nur eine Änderung in der Rentenpolitik wie z.B. Maßnahmen zur Anhebung des Rentenantrittalters oder der Einführung von flexibleren Hinzuverdienstmodellen kann einen Zusammenbruch der Staatskassen aufgrund des Demografiewandels verhindern”.

Bachinger bietet mit ihrer Plattform WisR Lösungen für arbeitende Menschen im Alter sowie für Unternehmen und Konzerne, die Pensionierungswellen gezielt managen möchten und das Arbeiten im Alter fördern. “Konkreten Forderungen wie diese finden sich im Maßnahmenkatalog der OECD-Studie wieder. “WisR unterstützt die Empfehlungen der OECD zu 100%”, fügt Bachinger hinzu.

Factbox: Der OECD Maßnahmenkatalog

Die OECD spricht in ihrer Studie drei konkrete Empfehlungen aus. Diese richten sich an Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft und sollen vor allem ein längeres Arbeitsleben ermöglichen.

Stärkung der Anreize für Arbeitnehmer, länger im Arbeitsleben zu bleiben

  • Rentensystem muss längeres Arbeiten belohnen, nicht bestrafen. Zuverdienstgrenzen sollten gelockert werden, Kombinationsmöglichkeiten von Rente und Erwerbstätigkeit muss gefördert werden.
  • Angleichung des Rentenantrittsalters parallel zur erhöhten Lebenserwartung
  • Förderung von Altersteilzeitmodellen

Ermutigung von Arbeitgebern, ältere Arbeitnehmer einzustellen und länger zu behalten

  • Langfristige Bindung von älteren Arbeitnehmern im eigenen Betrieb muss gestärkt werden
  • Mehr Jobmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer
  • Maßnahmen zur Bekämpfung von Altersdiskriminierung

Förderung der Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmern während ihres gesamten Arbeitslebens

  • Kontinuierliches Training von Arbeitnehmern, um am Arbeitsmarkt langfristig attraktiv und geschult zu sein
  • Förderung von Maßnahmen für ein Lebenslanges Lernen und Skills-Management


Quelle: OECD.org, Working Better With Age, 30 August 2019

Was bedeutet: Arbeit im Alter muss attraktiver werden

Stefano Scarpetta, OECD-Direktor für Beschäftigung, Arbeit und Soziales spricht im Spiegel klar aus, worauf der Maßnahmenkatalog abzielt: “Wenn ältere Menschen künftig nicht länger arbeiteten, könne das schwerwiegende Folgen für den Lebensstandard und die öffentlichen Finanzen” haben.

Eine der Forderungen, die Arbeit im Alter attraktiver zu machen, ist ein Verzicht von Zuverdienstgrenzen. In vielen Ländern wie in Deutschland, Österreich oder Frankreich ist es zwar schon jetzt möglich, die Rente durch Arbeit nebenher aufzubessern, doch wird dieser Hinzuverdienst mit Zuverdienstgrenzen so stark limitiert (und bis zum Rentenverlust gar bestraft), dass die Kombination Rente + Erwerbstätigkeit nicht praktikabel und gar unattraktiv wird.

Die Zahlen bestätigen wie unattraktiv die Kombination von Rente und Zuverdienst wirklich ist: Mehr als 3% der 60-69jährigen in Deutschland nutzten im Jahr 2015 diese Möglichkeit, wobei der Anteil bei Frauen sogar höher ist. Die Optionen seien laut der Studie entweder nur schwer zu verstehen oder zu unattraktiv. (Quelle: OECD Dataset, Figure 3.6)

Die Rentensysteme sollten deshalb so angelegt sein, die Arbeit auch im Alter belohnen und nicht zu bestrafen, so eine der Forderungen der Studie.

Anhebung des effektiven Rentenantrittsalters

Eine weitere Forderung der Studie ist die Anhebung des effektiven Rentenantrittsalters. Dieses ist zwar in den letzten Jahren wieder gestiegen, bleibt jedoch in vielen Ländern - so auch in Deutschland und Österreich - deutlich geringer als in den 1970er Jahren.

Infografik: Effektives Rentenantrittsalter

In Deutschland lag das effektive Rentenantrittsalter 1970 bei Männern bei 66 Jahren, im Jahr 2000 bei 61 und nun (2018) bei 64. (Quelle: OECD Dataset, Figure 2.6)

Rentenexperten wie Ulrich Schuh befürchten, “dass die Politik untätig zusieht, wie das Missverhältnis im Umlagesystem zwischen Beitragszahlern und Rentenbeziehern weiter zunimmt”.

Er sieht zwei Möglichkeiten, das Rentensystem in Zukunft aufrecht zu erhalten: “Entweder die Leistungen werden deutlich abgesenkt, das würde aber zu einer Steigerung der Altersarmut führen, wie das in Deutschland und Schweden schon zu beobachten ist. Oder wir erhöhen das Rentenantrittsalter”.

Bachinger: “Höhere Lebenserwartung nicht als Problem sehen”

WisR-Gründerin Klaudia Bachinger erinnert daran, den demografischen Wandel vordergründig als Chance zu erkennen: “Wir laufen Gefahr, erfreuliche Nachrichten wie eine höhere Lebenserwartung als Problem zu sehen. Wir alle werden älter, gesünder und aktiver - das darf nun wirklich kein Grund für allgemeinen Unmut sein.

Jetzt liegt es an uns, das als Potential zu erkennen und mit der richtigen Einstellung und den richtigen Lösungen das Leben noch lebenswerter für alle zu machen - und das gilt auch für ein längeres Arbeitsleben!”