Lifestyle
June 16, 2020

Warum wir mit dem Alter glücklicher werden

Der schwedische Regisseur und Drehbuchautor Ingmar Bergmann soll gesagt haben: "Mit dem Altwerden ist es wie mit dem Bergsteigen: Je höher man steigt, desto mehr schwinden die Kräfte - aber umso weiter sieht man."

Dieser Satz beschreibt wunderbar das, was die Wissenschaft heute das "Altersparadoxon" nennt. Dieses besagt: Je älter wir körperlich werden, desto wohler fühlt sich der Geist.

Je mehr Tage wir erleben, desto gelassener und weiser werden wir. Je betagter, umso zufriedener. Kurzum: Je älter, desto glücklicher.

Viele Studien haben das bereits bewiesen. Auch ein Blick um uns herum bestätigt diese wissenschaftlichen Erkenntnisse: Heute genießen viele Menschen ihre Lebenslust bis ins hohe Alter. Die Lebenserwartung und der Grad der Fitness steigen, außerdem steht den Menschen heute mehr freies Einkommen zur Verfügung als je einer Generationen zuvor.

Für viele ist 70 das neue 50.  

Je älter, desto glücklicher

Und genau in dieser Zeitspanne - zwischen 50 und 70 - soll sich auch jene Lebensphase befinden, in der wir das meiste Glück unseres gesamten Lebens verspüren. Das belegt etwa diese Studie der University of California: Forscher analysierten hier 1546 Erwachsene zwischen 21 und 100 Jahren und befragten sie nach ihrem physischen und psychischen Wohlbefinden. Das Ergebnis war ein ähnliches, wie bei andere Studien zuvor. In puncto mentale Gesundheit zeigte sich: die älteren Probanden schnitten besser ab als die jüngeren.

In dieser spezifischen Studie gaben Befragte, die älter als 64 Jahren waren, an, am glücklichsten zu sein.

Nach den Gründen für ihr Wohlbefinden gefragt, sagten die Senioren: Man habe bereits viel erlebt, müsse nichts beweisen und könne genießen. Die Forscher meinten, ältere Menschen hätten ihre Emotionen besser im Griff und hätten gelernt, aus kleineren Dingen große Zufriedenheit zu schöpfen.

Die Jungen hingegen überschätzten oft ihr künftiges Glück, nicht selten plagten sie später deshalb Zukunftssorgen, Ungewissheit und Ängste.

Die Studie zeigt: Mit 64 Jahren fühlen sich Menschen am glücklichsten

Eine andere Studie wiederum, die des amerikanisch-kanadischen Neurowissenschaftler und Autor Daniel Levitin (62), kommt sogar zum Schluss, dass man erst mit 82 Jahren den Höhepunkt seines Glücksempfindens erlangt.

In seinem heuer erschienen Buch „The Changing Mind“ schreibt er, dass die generelle Zufriedenheit in den 30ern abnimmt und erst mit 54 Jahren wieder zurückkommt. Den Höhepunkt erreicht sie dann eben mit 82.

Eine Untersuchung des britisch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers und Arbeitsökonomen David Blanchflower (68) zeigt außerdem, dass in westlichen Ländern mit 47,2 Jahren der Tiefpunkt der Glücksgefühle erreicht ist - die allseits bekannte Midlifecrisis gibt es also wirklich. Dafür hat Blanchflower Daten von 500.000 Menschen aus 132 Ländern ausgewertet.

Was genau macht glücklich?

Es gibt eine Palette an Gründen, warum man mit steigendem Alter mehr Glück empfindet.

Einer davon ist, dass sich mit den erlebten Jahren die Neurochemie im Gehirn verändert. Ein anderer, dass sich die eigene Einstellung dreht.

Man erkennt oft, dass man bereits viel erlebt und überstanden hat. Eine Erkenntnis, die einem früher verwehrt blieb, da man diese Lebensphasen eventuell noch mit Sorgen behaftet erlebt hat.

Was glücklich macht? Der Erfahrungsschatz des Leben

Was Glück ausmacht, hat auch der deutsche Psychologe und Altersforscher Andreas Kumpf gefragt. Er porträtierte Geschichten von 21 Menschen zwischen 65 bis 95 Jahren. Seine Erkenntnis hat er im Buch „Glück im Alter“ verpackt. Die da wäre? 

Was Freude genau ausmacht, könne man nicht pauschalisieren - zu unterschiedlich seien die Facetten. Ein Patentrezept für Glück gibt es nicht. Eines aber hat sich aus seinen Gesprächen ganz klar ergeben:

Freunde, mit denen man offen reden kann und ein starkes soziales Netz leisten beim Älterwerden einen wesentlichen Beitrag zu Glück. Freundschaften während des Älterwerdens sind fundamental.

Zur gleichen Erkenntnis kommt auch der Psychiater und Professor an der Harvard Medical School in den USA, Robert Waldinger. Er leitet die sogenannte Grant-Studie in Harvard - sie läuft seit 75 Jahren und analysiert, was in einem Menschenleben wertvoll ist. Seine Worte sind mehr als deutlich: "Ein gutes Leben besteht aus guten Beziehungen."

Die besten Ratgeber für ein gutes Leben

Die meistbesuchte und beliebteste Yale-Vorlesungen von Professorin Laurie Santos steht nun jedem kostenlos online zur Verfügung. Hierbei dreht sich - wie könnte es anders sein - alles um das gute Leben. Hier geht's zur Vorlesung zu "Science of Well-Being".

Der Psychiater und Professor an der Harvard Medical School in den USA, Robert Waldinger, erklärt im inspirierenden TED-Talk, was es mit den Ergebnissen der Grant-Studie auf sich hat. Die Grant-Studie ist eine Längsschnittstudie über das Glück, die seit 1938 kontinuierlich in Harvard durchgeführt wird.

US-Autorin Brené Brown gibt in diesem Zusammenschnitt 7 Tipps, die einem das Leben leichter machen. Wunderbar!

Auch Dan Gilbert, Autor von "Ins Glück stolpern“ ("Stumbling on Happiness“), nähert sich der Antwort an, wie man ein glückliches Leben führt.

"Das Spiel des Lebens kann man nicht gewinnen. Man kann es nur spielen", sagt Führungskräfte- und Persönlichkeitscoach Dieter Lange in seinem Vortrag. Inspirierend und Augen-öffnend.


Quellen:

Individual and Societal Wisdom: Explaining the Paradox of Human Aging and High Well-Being

Je älter, desto glücklicher

‍Wissen 57

Neurowissenschaftler sagen, mit 82 Jahren ist man am glücklichsten

Midlifecrisis

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